ALLES VON HIER
Die neue Made in Germany Bomberjacke von Esther Perbandt
Zeitgleich mit der Präsentation ihrer neuen Kollektion ZERO POINT Herbst/Winter 2026/27 stellt die Berliner Designerin Esther Perbandt ein weiteres, außergewöhnliches Projekt vor: „ALLES VON HIER“, eine streng limitierte Bomberjacke, die vollständig in Deutschland gefertigt wurde – von der Konfektion bis nahezu sämtlicher Materialien.
In einer Modeindustrie, die trotz allgegenwärtiger Nachhaltigkeitsdebatten weiterhin von Massenproduktion, Überproduktion und globalisierten Billiglohnstrukturen geprägt ist, setzt Esther Perbandt seit über 21 Jahren bewusst einen Gegenpol. Mit ihrer zeitlosen, ausschließlich schwarzen „Eternal Collection“, produziert in Kleinstserien in Berlin und Polen, verfolgt sie konsequent ein Designverständnis jenseits kurzlebiger Trends.
Mit „ALLES VON HIER“ geht sie nun einen Schritt weiter – und stellt sich einer radikalen Herausforderung:
Ein Kleidungsstück, das nicht nur in Deutschland genäht wird, sondern dessen Materialien – Stoffe, Futter, Nähgarn, Reißverschlüsse, Wattierung, Druckknöpfe – aus deutscher Produktion stammen müssen.

Auslöser: Nachhaltigkeit mit Konsequenzen
Die Idee entstand im Zuge der Bearbeitung des offiziellen Sustainability Surveys, der ab Mitte 2026 Voraussetzung für die Teilnahme an der Berlin Fashion Week ist. Die umfassende Offenlegung von Lieferketten, Produktionsbedingungen und Materialherkünften führte zur zentralen Frage:
Ist ein echtes „Made in Germany“-Produkt in der Mode heute überhaupt noch realisierbar?
Die Antwort: Ja – aber nur unter enormem Aufwand.
Eine Recherche gegen die Realität der Industrie
Schon bei Materialien, mit denen Perbandt seit über zehn Jahren arbeitet, zeigte sich die Problematik:
Der Baumwollstoff, bislang in Deutschland gewebt, wird künftig nicht mehr lokal produziert. Um das Projekt zu sichern, erwarb Perbandt den letzten verfügbaren Restbestand. Gleiches gilt für das Futter – ebenfalls ein Auslaufprodukt deutscher Weberei.
Bei den Metallreißverschlüssen konnte sie auf ihre langjährige Zusammenarbeit mit Heiligenstädter Reißverschlüsse zurückgreifen, die noch in Deutschland fertigen. Auch das verwendete Nähgarn ist recycelt und Made in Germany. Selbst bei Elastikbändern war intensive Recherche notwendig, um geeignete Qualitäten aus deutscher Produktion zu finden.
Besonders herausfordernd erwies sich die Wattierung. Konventionell besteht sie aus günstigem Polyester und wird fast ausschließlich in Asien produziert. Nach langer Recherche stieß Perbandt auf ein inzwischen eingestelltes Produkt von Freudenberg: eine biologisch abbaubare Lyocell-Wattierung in Deutschland hergestellt– entwickelt, getestet, gelobt, aber mangels Nachfrage nie in den Markt gebracht.
Das Fazit der Herstellerseite: Kein Interesse seitens der Industrie.
Die einzige vertretbare Ausnahme im Projekt bleibt daher eine recycelte Wattierung mit EU-Ursprung. Auf Bügeleinlagen wurde vollständig verzichtet, da keine nachhaltige Alternative verfügbar war.
Auch bei den Druckknöpfen erforderte es intensive Recherche: Erst nach mehreren Rückfragen bestätigte Prym, dass genau das verwendete Modell noch in Deutschland gefertigt wird.
Limitierung, Handarbeit, Transparenz
Aufgrund der begrenzten Materialverfügbarkeit ist „ALLES VON HIER“ auf 30 nummerierte Jacken limitiert. Jede einzelne wird im eigenen Berliner Atelier von Esther Perbandts Schneiderin gefertigt.
Als bewusster Gegenentwurf zur Intransparenz der Branche legt die Designerin nicht nur alle Lieferanten offen, sondern auch die vollständige Kalkulation des Produkts.
Lieferantenübersicht:
· Außenmaterial: Kröner & Schlikker – 100 % Baumwolle, OEKO-TEX® 100, Made in Germany
· Futter: Kröner & Schlikker – 100 % Baumwolle, OEKO-TEX® 100, Made in Germany
· Wattierung: Freudenberg – recycelte Fasern, Made in EU
· Reißverschlüsse: Heiligenstädter Reißverschlüsse – 100% Polyester + Messing, OEKO-TEX® 100, Rating for Sustainability 2026, Made in Germany
· Druckknöpfe: Prym – 100% Messing, Made in Germany
· Elastikband: Helmut Pfeiffer GmbH - 100% Polyester, OEKO-TEX® 100, Made in Germany
· Nähgarn: Kupfer Nähgarne – 100% recyceltes Polyester, OEKO-TEX® 100, Made in Germany
· Siebdruck: Farbnetz Berlin - Made in Berlin
· Nähproduktion: esther perbandt Atelier - Berlin
Alle Produktinformationen – von Pflegehinweisen über Größenangaben bis zur Herkunft – wurden per Siebdruck direkt in die Jacke eingebracht. Auf klassische eingenähte Labels wurde bewusst verzichtet, da diese nicht aus deutscher Produktion stammen.

China oder Deutschland? Ein transparenter CO₂-Vergleich
Für die Jacke „ALLES VON HIER“ hat Esther Perbandt den CO₂-Fußabdruck der Logistik bewusst und detailliert berechnet – und diesen einem klassischen Produktionsszenario in Fernost gegenübergestellt.
Das Vergleichsszenario
· China-Szenario: Produktion der Jacken in Shenzhen, Transport der fertigen Ware per Luftfracht nach Berlin
· Deutschland-Szenario: Sämtliche Materialien aus Deutschland, Anlieferung per LKW/Spedition, Verarbeitung und Verkauf im Atelier in Berlin – ohne weitere Transportwege
Berechnet wurde ausschließlich der Transport der Materialien bzw. der fertigen Ware. Produktionsprozesse, Energieverbrauch in den Fabriken oder Materialherstellung sind nicht Bestandteil dieser Rechnung.
Das Ergebnis (Transport-only)
· Luftfracht Shenzhen → Berlin: ca. 220 kg CO₂e für 30 Jacken
→ 7,3 kg CO₂e pro Jacke
· „Alles von hier“ (Zulieferungen innerhalb Deutschlands): ca. 2,3 kg CO₂e für 30 Jacken
→ 0,08 kg CO₂e pro Jacke
Damit verursacht der Transport per Flugzeug in diesem Szenario rund 97-mal mehr CO₂ als die vollständig in Deutschland organisierte Lieferkette.
Die Berechnung erfolgt konservativ ohne Berücksichtigung des sogenannten Radiative-Forcing-Effekts. Unter Einbeziehung dieser Effekte liegt die Klimawirkung von Luftfracht deutlich höher.
Was bedeuten diese Zahlen im Alltag?
Damit die Größenordnung greifbarer wird, lassen sich die Werte mit alltäglichen Situationen vergleichen:
- 220 kg CO₂e entsprechen in etwa
-> einer Autofahrt von rund 1.100–1.400 Kilometern mit einem durchschnittlichen Pkw
(z. B. Berlin → Rom oder Berlin → Barcelona)
-> oder über 150 Fahrten à 30 Minuten mit einem gut ausgelasteten Linienbus - 2,3 kg CO₂e entsprechen ungefähr
-> 10–15 Kilometern Autofahrt
-> oder wenigen kurzen Alltagswegen im städtischen Verkehr - Der Vergleich zeigt keinen „richtigen“ oder „falschen“ Konsum, sondern macht sichtbar, welche klimatische Bedeutung Transportentscheidungen allein haben können – unabhängig vom Design, der Qualität oder der Ästhetik eines Produkts.
„ALLES VON HIER“ soll als ein praktisches Experiment gesehen werden: Was passiert, wenn man Lieferketten radikal verkürzt – und bereit ist, den zusätzlichen Aufwand und die zusätzlichen Kosten bewusst in Kauf zu nehmen?
„ALLES VON HIER“ ist weniger ein Produkt als ein Statement – über Machbarkeit, über Widersprüche und über eine Industrie, deren Nachhaltigkeitsrhetorik oft nicht mit ihren Entscheidungen übereinstimmt.


Fotograf: Ansgar Sollmann
